Ars Regendi Simulation Forum

Full Version: Philosophische Systeme
You're currently viewing a stripped down version of our content. View the full version with proper formatting.
Welche Philosophen, Systeme von denen oder generellen Ausrichtungen wie Ontologie oder Phänomenologie haltet ihr für fruchtbar und bereichernd? Ich oute mich mal als Banause, der eigentlich immer nur mit für mich relativ eindeutig verständlichen Bruchstücken philosophischer Werke etwas anfangen kann.

Mein Weltbild ist recht simpel: Wir entstanden zufällig durch sich selbst organisierende Molekülverbindungen im Zusammenspiel mit der Umwelt. Aus der Evolutionstheorie heraus ist nahezu jedes Phänomen des Lebens zu erklären, bis hin zum Bewusstsein als struktureller Inszenierung. Mithin ein gemäßigter Konstruktivismus.

Daher ist meine Sprache die der Wissenschaften wie Biologie und insbesondere experimentelle Psychologie und Soziologie, unterstützt von Plausibilität, Logik und Wahrscheinlichkeit. Wenn ich wissenschaftliche Lehrbücher beispielsweise über Denkfehler lese, so ist das für mich ebenso verständlich wie bereichernd. Sie erklären eine Unmenge und haben weitreichende, nützliche Konsequenzen.

Ganz anders geht es mir mit philosophischen Werken, besonders jenen, die vor Darwins Hauptwerk veröffentlicht wurden, aber auch späteren, welche die Sprache für ein quasi beliebiges Konstrukt erklären. Die sind für mich meist äußerst mühselig zu entziffern, nicht zuletzt, weil sich viele Philosophen mit komplizierter Ausdrucksweise schmücken oder gar ihre eigene Unklarheit im Denken kaschieren wollen. Lehrbücher über Wissenschaften sind dagegen viel einfacher zugänglich und wie gesagt für mich ergiebiger.

Philosophische Bücher, wenn sie sich nicht gerade um eher simple Themen wie Ethik drehen, sind geradezu chiffriert und ich muss versuchen, ihren Jargon in meine eigene Sprache zu übersetzen. Dabei bleibt quasi immer ein dem Aufenthaltsort eines Elektrons vergleichbarer Bedeutungsnebel. Das Meiste ist multipel interpretierbar. Manches spricht dafür, dass man es mit einem Erleuchteten zu tun hat, anderes dafür, dass da ein Irrer dilettiert. Festmachen kann man das fast nie.

Auch Sekundärliteratur hilft selten weiter, insbesondere wenn sie mit immanenten Begrifflichkeiten lediglich die Inhalte ordnet und präsentiert, die eigentlich erklärungsbedürftig sind. Was irgendwo auch verständlich ist, denn Platon gibt keinen Hinweis, wie sein Höhlengleichnis im modernen Sinn psychologisch zu verstehen wäre. So kann man in der Regel nur darüber spekulieren, was die von den Vorsokratikern über die Idealisten bis zu den Poststrukturalisten verwendeten Wieselworte eigentlich bedeuten sollen.

Gerade aus solchen Begriffen konstruierte Systeme haben sich im Grunde nie als nachhaltig erwiesen. Somit halte ich es meist mit einzelnen Aussagen, meist jenen der Lebensphilosophen, die mich berühren und mir zu neuer Erkenntnis verhelfen. Meine eigene Philosophie, und das erachte ich generell als ihre Rolle, besteht im Zusammenführen, Ordnen und Bewerten der Erkenntnisse anderer Wissenschaften, und daraus Handlungspräferenzen abzuleiten.
Ontologie ist keine Ausrichtung, sondern eine Disziplin (so wie Ethik z.B.). Phänomenologie kann beides meinen, aber wird in den meisten Kontexten im Sinne einer Ausrichtung bzw. Strömung der Philosophie verwendet. Phänomenologen haben die Überzeugung, dass die richtige Art zu Philosophieren ausschließlich (und das kann man betonen) darin besteht, tatsächliche Wahrnehmung in Alltagssituationen ("Lebenswelt") zu analysieren. Abgelehnt werden bestimmte philosophische Methoden, wie etwa Gedankenexperimente (begründet ist das nicht). Die phänomenologische Strömung ist zudem wissenschaftsfeindlich. Es gilt das Primat der Wahrnehmung. Insgesamt ist sie keine durchdachte, kohärente Philosophie, sondern ein Sammelsurium verschiedener Überzeugungen und Vorurteile. Gleiches kann man über die Analytische Philosophie sagen, die das Feindbild der Phänomenologen ist. Die Analytische Philosophie ist das Gegenteil von dem, was du beschreibst. Sie ist begrifflich hochpräzise und in ihrer Sprache simplistisch. Das macht sie nicht weniger ideologisch. Auch die Analytische Philosophie hat bestimmte anerkannte Muster der Argumentation, die eigentlich nicht begründet sind. Gebräuchlich ist z.B. der Verweis auf die "Intuition" um Lücken in Argumenten zu füllen (man macht sich hier nicht einmal die Mühe, eine Lösung zu finden).

70 - 80% der Philosophen in Deutschland sind analytische Philosophen. Der Rest fasst sich unter dem Begriff "kontinentale Philosophie", von der die Phänomenolgen wiederum nur eine kleine Minderheit darstellen.

Quote:
Daher ist meine Sprache die der Wissenschaften wie Biologie und insbesondere experimentelle Psychologie und Soziologie

Quote:
eher simple Themen wie Ethik drehen

Eins von beiden kann nur richtig sein: Entweder verwendest du biologische Konzepte; dann ist Ethik ein schwieriges Thema. Oder du fängst mit intuitiv plausiblen Prämissen an; dann kann ich nachvollziehen, dass es "einfach" ist, weil ja alles bloßes Anwenden des Angenommenen ist.

REDSTERN Wrote:

Quote:
Daher ist meine Sprache die der Wissenschaften wie Biologie und insbesondere experimentelle Psychologie und Soziologie

Quote:
eher simple Themen wie Ethik drehen

Eins von beiden kann nur richtig sein: Entweder verwendest du biologische Konzepte; dann ist Ethik ein schwieriges Thema. Oder du fängst mit intuitiv plausiblen Prämissen an; dann kann ich nachvollziehen, dass es "einfach" ist, weil ja alles bloßes Anwenden des Angenommenen ist.


Den Einwand verstehe ich nicht. Gerade wenn ich biologisch-soziologisch-psychologische Denkweisen anwende, scheint mir Ethik ein recht simples Thema zu sein.

Interessant ist wohl mein Verhältnis zur Phänomenologie von Heidegger, den ich sehr gut zu verstehen glaube, weil ich ihn buddhistisch interpretiere. Die herkömmlichen, werkimmanenten Interpretationen finde ich völlig nichtssagend. Wie alle Werke und Interpretationen, die ich nicht mit einiger Sicherheit in eine mir geläufige Sprache übersetzen kann.

Quote:
Den Einwand verstehe ich nicht. Gerade wenn ich biologisch-soziologisch-psychologische Denkweisen anwende, scheint mir Ethik ein recht simples Thema zu sein.


Ethik ist die Wissenschaft des richtigen Handelns. Biologisch, soziologisch oder psychologisch betrachtet gibt es gar kein richtiges Handeln. Die Frage ist unter so einer Perspektive überhaupt nicht verständlich: Was soll es denn bitte heißen, dass etwas psychologisch gesehen richtiges Handeln sei?




Was ist denn die große Erkenntnis, die Heidegger in dir auslöst? Ich glaube, man hat oft dieses Gefühl von Bedeutung, weil man in einem unverständlichen Text eine Bedeutung findet, aber nicht deshalb, weil man dadurch sich selbst respektive das Leben besser versteht.

Reference URL's