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Die Postmoderne und die menschliche Natur

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Malone
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Post: #1
Die Postmoderne und die menschliche Natur

Wenn man sich auf der Suche nach den Ursprüngen des Zeitgeistes mit postmodernen Autoren beschäftigt, stößt man rasch auf die deren Behauptung, dass der Kapitalismus unser Denken und Fühlen von klein auf durchdringe und präge, was sich schon an der Struktur der Sprache zeige.


Dem ist schwerlich etwas zu entgegen mit eben der Sprache, die vom Kapitalismus verblendet sein soll. Was übrigens auch ein Grund ist, warum sich diese Autoren einer handfesten Greifbarkeit durch sprachliche Diffusität entziehen.


Und da das Denken und Fühlen durch das kapitalistische System geformt worden sei, erscheint ein Widerspruch aufgrund der eigenen Befangenheit immer nur als Bestätigung der These. Nimmt man diese Diagnose ernst, bleibt man in einer Schleife endloser Selbsthinterfragung stecken und ist im Diskurs gelähmt, was dem Antikapitalisten natürlich ganz gelegen kommt.


Eine Analogie dazu ist die Aporie im Disput, die selbstbewusste Frauen erfahren, die Feministen widersprechen und dabei angeblich nur ihre Prägung durch das Patriarchat bestätigen.


Das Unbewusste lässt sich nun mal schwer ergründen, sonst trüge es nicht diesen Namen. Dieser Umstand öffnet allen erdenklichen Theorien über unser Wesen und den Einfluss der Umwelt - wie der gegebenen Wirtschaftsform - Tür und Tor und verschließt jene gegenüber Widerlegungsversuchen.


Aber nicht zur Gänze: Die grundlegende Frage ist ja, wie wir von Natur aus sind. Anhand einer noch so sorgsamen Nabelschau können wir das kaum ergründen, weil wir ja immer durch die Brille sehen, die uns vor unserer Bewusstwerdung aufgesetzt wurde.


Doch es gibt Methoden. Das Studium der Geschichte, in diesem Fall von vorkapitalistischen Gesellschaften; die Ethnologie, die erkundet, wie die von unserem System unbeeinflussten Völker ticken; die Entwicklungspsychologie, die untersucht, wie Sprachentwicklung und Erkenntnis zusammenhängen.


Und da gibt es ziemlich eindeutige Ergebnisse. Schon Piaget hat nachgewiesen, dass das funktionale und hierarchische Denken von der Beobachtung der physikalischen Begebenheiten und der Motorik ausgeht und sich erst dann in der Sprache niederschlägt. Wenngleich sich das Verhältnis im weiteren Verlauf dann gegenseitig bedingen mag.


Der Blick auf die Naturvölker offenbart in den allermeisten Fällen, dass Hierarchien, Konkurrenz, Reputation und Wohlstand wichtig und gegeben sind. Ganz ohne profitmaximierende, ausbeuterische Bonzen. Und dass Wettbewerb evolutionär gesehen unverzichtbar ist, liegt auf der Hand.


Aus der Geschichte der Menschheit sind Sklaverei, Ausbeutung, Grausamkeit und Unterdrückung nicht wegzudenken, ganz gleich, wie weit wir vor die Gründung der ersten Fabrik zurückschreiten.


Der Gegenentwurf, die stets solidarische und sogar offene Gesellschaft aus selbstlosen Menschen, existiert nur in den Visionen der postmodernen Antikapitalisten, die dieses - im kleinen Rahmen und mit kurzer Halbwertzeit durchaus denkbare - Ideal den modernen Umständen entgegenhalten, um diese abzuwerten.


Die Anzeichen deuten aber darauf hin, dass sich eher die menschliche Natur im Kapitalismus niederschlägt, als dass dieser jene prägt. Daraus folgt, dass sozialistische Umwälzungen dem menschlichen Wesen widersprechen und daher, abgesehen von den Wohlstandsverlusten, erst recht zur Entfremdung und einem Unbehagen in der Kultur führen würden.


Meine Berufung auf die Natur soll übrigens nicht heißen, dass wir sie nicht zügeln sollten. Ein nur auf seinen Vorteil bedachter - und mächtiger - Mensch wäre unvereinbar mit der Freiheit der anderen. Daher sind Solidarität und Empathie sicherlich in der Erziehung zu fördern, aber man kann kein funktionierendes System auf der ausschließlichen Wertschätzung dieser Eigenschaften aufbauen.


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Autor der Blüte des Zweifels
30.04.2021 22:47
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Bitzoseq
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Post: #2
RE: Die Postmoderne und die menschliche Natur

Malone Wrote:
Die Anzeichen deuten aber darauf hin, dass sich eher die menschliche Natur im Kapitalismus niederschlägt, als dass dieser jene prägt. Daraus folgt, dass sozialistische Umwälzungen dem menschlichen Wesen widersprechen und daher, abgesehen von den Wohlstandsverlusten, erst recht zur Entfremdung und einem Unbehagen in der Kultur führen würden.

Der Mensch besteht aus einem tierischen und einem geistlichen Anteil. Den tierischen Teil kann man als das Böse bezeichnen, die tierischen Triebe sind Vergleichsucht (Neid ist ein schlimmes Gift), Wollust, Völlerei usw., das führt zu Hass, Konflikten und Niedergang. ALLES in dieser Kultur ist darauf ausgerichtet die tierischen Bedürfnisse anzusprechen um möglichst viele Dinge zu verkaufen, das geht von Appetitanregern über Sex Sells, der Erfindung von Krankheiten, Obsoleszenz, bis zur Schaffung von Konflikten und Kriegen. Aber der Mensch hat noch eine andere Seite, nämlich die geistige, in einer hohen Kultur ist es verpönt das Fleisch anzusprechen.

Die entscheidende Frage ist nicht die des Systems, sondern nach welchen Werten gelebt wird, die Steigerung des Geistes, oder des BIPs. Man kann dem Sozialismus zu gute halten, dass er wenigstens schlecht darin ist, den Menschen zu verstehen, während die Marketingabteilungen der Konzerne den Teufel als Vorgesetzten haben.

04.05.2021 00:45
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Bitzoseq
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Post: #3
RE: Die Postmoderne und die menschliche Natur

Quote:
Was indessen aus einer queeren Perspektive deutlich wird, ist, dass der binären Codierung digitaler Technologien ein simplifiziertes Repräsentationsverständnis zugrunde liegt, welches sich über die Datensätze hinaus in das Digitale einschreibt. Queerness weist im Gegensatz dazu stets auf einen Überschuss an Bedeutung hin, auf die stete Gegebenheit von Pluralität wie auch auf Un- und Vieldeutigkeiten, welche nur partikular erfassbar sind.

Ausgehend von einer solchen Bestandsaufnahme sollte deutlich geworden sein, dass KI vor allem bestimmte normative Geschlechterbilder sowie klassistische und rassifizierte Vorstellungen widergespiegelt und systematisch diesem Bild entsprechende Körper, Handlungen und Verhaltensweisen durch autonome Entscheidungssysteme, Überwachungssysteme oder Wearables vermittelt.

https://www.danisch.de/blog/2021/06/17/f...ormatik-2/

17.06.2021 11:36
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