Wenn ich so mit den alten Bekanntschaften und ehemaligen Freunden diskutiere, die sich mittig verordnen, stellt sich immer wieder heraus, dass für sie das Differenzieren den obersten intellektuellen Wert darstellt. Als ob ich das nicht tausendmal getan hätte.

Nur, dass für mich das Differenzieren lediglich ein Werkzeug zur Erkenntnisgewinnung ist. Und für mich ist Erkenntnis der höchste Wert, der in meinem pragmatischen Ideal dazu führen sollte, eine Entscheidung zu treffen und zum Handeln veranlasst.

Neben dem Instrument des Differenzierens ist daher auch die Synopse, die Fähigkeit zur Zusammenschau, unabdingbar. Man darf den roten Faden nicht verlieren, der es ermöglicht, die Erkenntnisse zu bündeln, um sie auf die eine oder andere Waagschale legen zu können.

So, dass man schließlich eine Abwägung durchführen kann, die erst zu einem qualifizierten Urteil befähigt. Selbstredend, dass die Abwägung nie gänzlich abgeschlossen sein kann: Neue Informationen, denen man sich als an Erkenntnis interessierter Mensch nicht verschließen kann, können von ausschlaggebendem Gewicht sein.

Und mit der Reifung des Denkens entwickelt man allmählich ein Gespür dafür, wann man genug Informationen gesammelt hat, um sie differenziert analysieren und verknüpfen zu können. Hat man das Gefühl, nicht über genug Informationen zu verfügen, wird man das ohne Scham eingestehen und sich eines Urteils enthalten.

Wer aber gar nicht an Erkenntnis, Urteil und Handlung interessiert ist, weil er Wahrheit, Verurteilung oder Konsequenzen fürchtet, der bleibt einfach beim Differenzieren. Die Fähigkeit dazu ist sozial höchst angesehen, nur intelligente Menschen können das, der tumbe Geist hingegen steckt alles in einen Topf, weil er gar nicht in der Lage ist zu unterscheiden.

In diesem Stadium verharrend ist der notorische Differenzierer immer auf der richtigen Seite, zumindest bei heiklen Themen. Wenn man sich dagegen ohnehin auf der richtigen Seite weiß, dann braucht man eh nicht lange nachzudenken, dann verliert das Differenzierenkönnen plötzlich an Gewicht und man wertet ungeniert nach Gefühl.

Und wenn jemand nicht zu demselben gefühlsmäßigen Urteil kommt, dann kann derjenige halt nicht differenzieren und ist damit automatisch simpel gestrickt. Was auch für diejenigen gilt, die ein Urteil fällen, das sich die Differenzierer nicht zu fällen trauen, selbst bei offensichtlicher Faktenlage.

Nur am Rande, bei Unterschlagung weiterer psychologischer Abwehrmechanismen, die hier den ohnehin gesprengten Rahmen noch weiter sprengen würden, besteht eine Strategie zur Verharrung auf der Stufe des Differenzierens in Informationsvermeidung: Man recherchiert nicht aktiv und passiv ignoriert man neuen Input.

Kurzum, in semiintellektuellen Gefilden hat sich ein Kult etabliert: Differenzierung als Gott, solange es opportun erscheint. Unfruchtbarer Dekonstruktivismus mit Derrida als unbekanntem Propheten, dem man unbewusst aufgrund seines gesellschaftlichen Nachhalls frönt.

Um am Ende um der Didaktik Willen noch ein prominentes Beispiel zu liefern: Allein die Existenz des friedfertigen und mystischen Sufismus, dessen Anhänger nicht mal ein Prozent der Ideologie ausmachen, aus der er erwachsen ist, muss ständig dafür herhalten, kein abschließendes Urteil über eben jene Ideologie fällen zu müssen.