Letzte Woche war Guido Reil zu Gast bei Lanz. Natürlich wieder allein auf weiter Flur, gegen den in der Tat rhetorisch geschickten Jungsozi Kühnert, der kraft seiner gefühlten Rechtschaffenheit unerschütterliche Selbstsicherheit ausstrahlt, und natürlich gegen Lanz selbst und das Publikum sowie die anderen Gäste.

Es hätte ja rein theoretisch auch mal so laufen können, dass Reil und Lanz, vom Publikum unterstützt, dem sozialistischen Dreikäsehoch gründlich auf den Zahn fühlen und ins Kreuzverhör nehmen. Beispielsweise, ob ihm Gruppenvergewaltigungen oder strafbefreiter Sozialbetrug völlig egal seien.

Aber ich rede wirr. Jedenfalls kam es im Verlauf der höchst ausgewogenen Diskussion auf das Thema Opferrolle, in die sich die Alternative so gerne begäbe. Ok, stellen wir uns vor, wir reden über einen Picasso. Dann tritt der eine dem anderen vors Schienbein, weil dieser nicht seiner Meinung ist bezüglich der korrekten Interpretation.

Daraufhin beschwert sich der vors Schienbein Getretene über einen unmöglichen Diskussionsstil. Woraufhin der Treter erwidert, dass der andere sich in eine Opferrolle begebe, um Sympathien zu schinden. Gewagt! Oder besser gesagt: Pure Infamie! Die sich nur durchsetzen kann, wenn die meisten auf die Meinung gepolt wurden, dass der Picasso nur auf die eine Art tugendhaft interpretiert werden könne!

Aber natürlich gibt es auch Opferrollen, in die sich einzelne oder eine Gruppe zu Unrecht begeben. Zum Beispiel solche, die einen Welteroberungsanspruch hegen und über alle Zeiten hinweg anderen grundlos vors Schienbein getreten haben. Solche spekulieren darauf, dass die Öffentlichkeit längst vergessen hat, von wem das Unrecht zuerst ausging. Und da das Publikum dumm und ungebildet ist, zumindest hinsichtlich all der Jahre vor dem Dritten Reich, ernten diese mutmaßlichen Opfer Applaus. Just von denen, die sie überrennen Hmm