Im Zuge meiner Beiträge zum Ibiza-Gate wurde mir Whataboutismus vorgeworfen. Da musste ich ein Weilchen nachdenken, um diesen Vorwurf, der auf den ersten Blick nicht falsch zu sein scheint, entkräften zu können. Dabei bin ich auf einen kleinen aber feinen Unterschied gestoßen:

"Ok, ertappt. Aber ihr macht das ja nicht anders, also: So what?"

"Na gut, erwischt. Was wir gemacht haben, ist falsch. Da ihr das aber genauso macht (und bei euch richtig findet), ist eure Empörung unglaubwürdig!"

Im ersten Fall dient ein Whataboutismus vorrangig als Rechtfertigung für verwerfliches Tun. Von der Kritik soll abgelenkt werden. Im zweiten Fall hingegen wird in erster Linie die Haltung des Gegners kritisiert, was offensichtlich eine ganz andere Zielrichtung ist. Zwar kann da auch eine Rechtfertigung mitschwingen, wenn man sagt, dass das falsche Tun des Gegners einen zu denselben Mitteln zwinge, aber die Berechtigung der Kritik wird dabei offen zugestanden.

Der Vorwurf des Whataboutismus ist im zweiten Fall nicht angebracht, sondern vielmehr wie eben dieser dazu gedacht, von der Kritik abzulenken. Sozusagen ein Re-Whataboutismus.

Bei der Gelegenheit sei noch beiläufig erwähnt, dass gerade diejenigen, die sich bei anderen Themen so sehr auf christliche Werte berufen, in diesem Fall mit vollster Begeisterung und Wucht ihre Steine auf den Sünder schmeißen.